Storytelling

Anton aus Detmold ... Fotografin wo andere wegschauen

12:26Daniela Skrzypczak

Samstag vormittag in unserer Stadt, die Menschen geniessen die Sonne, in den Cafes werden die Cappuchinos getrunken, man freut sich einfach nur auf den Frühling, auf die Sonne und auf die Wärme. Bei mir war es das erste Wochenende wo ich richtig meine Kameras geniessen konnte, fotografieren, das Gefühl Frühling einfangen und da begegnete ich Ihm, auf einer Bank mitten im Zentrum von Detmold, Anton 80 Jahre und obdachlos. Obdachlos, wohnungslos und dies seit mehr als 20 Jahren wo er sein Leben auf der Strasse verbringt.

Ich fragte Ihn ob ich von Ihm ein paar Fotos machen könnte, da mich sein Gesicht mit den tiefen Furchen des Lebens einfach faszinierte und ich mich gleichzeitig fragte "Was steckt hinter diesem Gesicht, was hat er erlebt und warum verbringt er sein Leben auf der Strasse"? Er schaute mich an und meinte "Klar darfste, aber ich bin doch nur ein Penner".

Da ich seit vielen Jahren mit Obdachlosen einmal im Jahr richtig klasse essen gehe, ganz spontan ... war mir die Situation auch nicht neu. Dabei geht es nicht darum das sie hungern, nein es geht darum Ihnen für ein paar Stunden Aufmerksamkeit zu schenken, Ihnen zu zuhören, sie als Menschen zu sehen, Ihnen ein ganz ganz klein bisschen Glück zu schenken.

Die ersten Momente war es Ihm sichtlich peinlich, dass ich meine Kamera auf Ihm richtete, aber nach 5 Minuten war es komplett verflogen und er begann mir aus seinem Leben zu erzählen. Ich sass neben Ihn auf der Bank und hörte einfach nur zu und sah sein kleines Lächeln in der Sonne.

Da sass er nun ... Anton mit seinen 80 Jahren ursprünglich in Bayern geboren und seit 20 Jahren als Obdachloser auf den Strassen von NRW. Er arbeitet bis zu seinem 60 Lebensjahr als Polier auf vielen Baustellen und teerte unsere Strassen, lebte ein Leben mit Frau und Kindern. Bis irgendwann die Frau nicht mehr da war und er seine Sorgen im Alkohol ertrank und dadurch irgendwann auch keine Strassen mehr teerte. Seine bis dahin zwei erwachsenen Kindern wollten natürlich auch keinen Vater der dem Alkohol näher war als ihnen, also brach auch der Kontakt zu den Kindern komplett ab. Ohne Arbeit, ohne Einkommen, ohne zuhause, ohne Familie ... das war Anton mit 60 Jahren!

Nun legte er eine Pause ein und fragte mich "Darf ich weiter erzählen, ich halte Dich doch nur auf?"

Familie weg, Wohnung weg, Job weg ... er hatte alles verloren was für Ihn wichtig war und das schlimmste auch alle Freunde waren auf einmal verschwunden. Er hatte komplett seinen Halt verloren und ertrank seinen Kummer im Park, mit seinem neuen Freund dem Alkohol. Anton ein Mensch der sein Lebensabend eigentlich anders geplant hatte und nun mit seinem Rucksack, Schlafsack ein bisschen Bekleidung obdachlos durch Deutschland zog.

Die ersten Jahre kam er immer unter in Obdachlosenheimen, zog von Heim zu Heim um jeden Tag wenigsten ein Bett zu finden. Aber nachdem Ihm seine letzten Habseligkeit im Heim gestohlen wurden besucht er diese nur noch um sich zu waschen, neue Kleidung zu erhalten und etwas zu Essen zu bekommen ... "Glaubste ich lass mir nochmals alles klauen ... ne da bleibe ich lieber im Park, unter der Brücke" sagt er.

Ich fragte Ihn ob er denn krankenversichert wäre, da ich von anderen Obdachlosen bereits gehörte hatte das viele nicht mehr krankenversichert sind. "Ich, ich habe den letzten Arzt vor über 30 Jahren gesehen und irgendwie meint es der liebe Gott gut mit mir. Aber ich weiss das viele Penner so wie ich, nicht behandelt werden, auch keine Medikamente erhalten, deshalb gehen viele gar nicht zum Arzt ... ich habe schon einige einfach tot gesehen".

Für die nächsten paar Monate möchte er nun erst einmal in Detmold bleiben. Hier gefällt Ihm die Landschaft so gut und die Obdachlosenheime sind nicht so überlaufen wie in den Städten wo er gelebt hat. Bochum, Düsseldorf und Köln. "Das Heim ist nicht so schlecht hier, ich kann mich waschen, Klamotten frisch machen und erhalte neue Kleidung, was brauche ich mehr".

Vom Alkohol ist er seit mehr als 8 Jahre weg, kein Tropfen mehr und er hätte damals eigentlich die Chance gehabt wieder zurück zukehren in unsere "Gesellschaft" aber wie sollte das gehen "Ich hatte keine Wohnung, keine feste Bleibe, keine Konto für meine kleine Rente und helfen tut Dir da auch keiner mehr".

Anton`s Hände die sich auf den Frühling freuen ... im letzten Winter etwas erfroren, weil er keine Handschuhe hatte, aber er sagte "Jetzt wird es warm und so langsam spüre ich sie wieder ... die Natur macht alles wieder gut".

Aus einem kurzen fotografischen Moment wurden zwei wunderbare Stunden, zwei Stunden meines Lebens die ich einen anderen Menschen schenken konnte, Ihm zuhören konnte, Ihm Aufmerksamkeit als Mensch geben konnte ... Anton aus Detmold.

Anton verabschiedete sich bei mir und lächelte ... ich hoffe das ich Ihn irgendwann in Detmold wieder sehen werden und Ihm seine Fotos zeigen kann.

Es kostet uns nichts, ausser ein klein wenig Zeit, den Mut auf andere Menschen spontan zu zugehen, sie anzusprechen. Auch wenn Sie vielleicht etwas ungepflegt aussehen oder nicht in das Bild der Gesellschaft passen ... sprecht sie an, ob Obdachlosen, ältere Menschen. Es sind die Gesten, dass was man als Mensch bewirken kann, das was bleibt im Herzen und in Gedanken. Einfach nur ein klein wenig Glück, Hoffnung an Menschen weiter zugeben, damit sie sich wieder als Menschen fühlen können.
Also geht raus in die Welt ... gemeinsam können wir die Welt ein klein wenig besser machen, jeder mit dem was er hat zu geben, egal was es ist .... WIR MÜSSEN ES NUR TUN.

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8 Kommentare

  1. Ich sitze hier und mir laufen die Tränen über die Wange, Fotografie die erzählt und erschüttert. Bisher hatte ich nicht den Mut so nah auf Obdachlose zu zugehen, aber ich werde mir Deine Worte Daniela beherzigen. Danke für diesen tollen fotografischen Artikel.
    Herzliche Grüsse sendet Dir Tanja.

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    1. Lieben Dank Tanja das mit den Tränen war aber von mir nicht beabsichtigt.
      Ich wünsche ein schönes Wochenende.

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  2. Immer wieder freue ich ich mich, wenn ich etwas aus deiner "Geschichten-Küche" lesen darf. Die Zutaten liefert das Leben, den richtigen Geschmack daraus liefert der Koch. In dem Fall also du. Und bei so schönen Geschichten, wer will denn dann schon woanders "essen".

    Mach weiter so, ich "esse" gerne hier :-)

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    1. Ach Rudi du hast es so schön kommentiert, ich danke Dir ganz liebe.
      LG sendet Daniela

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  3. Ich finde es mehr wie klasse wie Sie an das Thema herangegangen sind ... ich habe selbst viele Jahre als Mitarbeiter in einem Obdachlosenheim gearbeitet und dabei viele Schicksale erlebt. Aber Sie bringen es mit Ihren Fotos und den leicht schmunzelnden Texten auf den Punkt ... ein klein bisschen Aufmerksamkeit und keine Ausgrenzung in der Gesellschaft würde viele von den Wohnungslosen wieder zurück in unsere Gesellschaft bringen. Danke für diese tollen Fotos.
    Herzliche Grüsse sendet Ihnen Herr Fuchs.

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    1. Hall Herr Fuchs das freut mich besonders Ihre Meinung ... ich wünsche Ihnen für Ihre Arbeit weiterhin viel Erfolg und sage Danke.
      LG sendet Ihnen Daniela

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  4. Ich finde den Artikel sehr interessant und die Fotos sehr mutig. Bisher habe ich mich nicht getraut Obdachlose anzusprechen. Aber nun werde ich es wohl auch tun.
    Danke sagt Dir Mike.

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    1. Das klingt doch mehr wie klasse. Wünsche Dir viel Erfolg bei den Fotos. Dickes Danke für das Kompliment.
      Daniela

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